Experteninterview

Psychologe Michael Wohlkönig

ERZÄHLT ÜBER RITUALE

„Die tägliche Routine für ein Kind das ist, was die Wände für ein Haus sind: Sie geben ihm Grenzen und Raum fürs Leben. Kein Kind fühlt sich in einer Situation wohl, in der es nicht weiß, was es erwarten soll. Die Routine gibt Kindern ein Gefühl von Sicherheit. Eine fest verankerte Routine gibt einem das Gefühl von Ordnung, woraus wiederum ein Gefühl von Freiheit entsteht.“ Dr. Rudolf Dreikurs

Schon früh im Leben kommen Kinder mit Ritualen in Berührung. Die ersten Rituale die hier vor allem in Erscheinung treten sind „Bett-geh-Rituale“ und „fixe Mahlzeiten“. In der heutigen Zeit wird das Festhalten an Ritualen aber von vielen Eltern in Frage gestellt und gelten sogar als langweilig, unflexibel und altmodisch. Stimmt das wirklich? Oder benötigen Kinder sogar Rituale um eine gute Entwicklung zu nehmen? Diese Frage möchte ich in diesem Artikel gerne klären!

 

Das sagt die Wissenschaft: Festgelegte Abläufe und Wiederholungen dienen Kindern als Strukturierungs- und Orientierungshilfe im Alltag. Dies hängt mit der Gehirnentwicklung von Kindern zusammen. Kinder messen Dingen und Tätigkeiten erst eine Bedeutung bei, wenn sie öfter in ihrem Alltag vorkommen. Studien zeigen auch, dass Ängste von Kindern reduziert werden können und die Selbstständigkeit von Kindern gesteigert wird. Es gibt auch Studien, die besagen, dass Rituale die Konzentrationsfähigkeit steigern können und auch das Lernen erleichtert wird.

 

Ein weiterer Vorteil davon, Rituale zu haben, ist das Erzeugen eines „Wir“- Gefühls innerhalb der Familie und stärkt so auch den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft.

 

Auch Eltern haben es leichter, wenn die Kinder wissen, wie der Ablauf in gewissen Situation ist. Sie wissen dann was zu tun ist und können dies leichter akzeptieren. So ist es den Eltern möglich, sich Diskussionen zu ersparen und die Energie für sich selbst zu nutzen. So kann zum Beispiel ein Schlafensritual nach dem Mittagessen den Eltern eine Auszeit bescheren. Auch das ritualisierte Aufräumen wie es Ordnungsprofi Olivia vorschlägt gehört natürlich dazu.

 

Wir können daraus schlussfolgern, dass Rituale wichtig und gut sind! Sie erleichtern das Leben und können Freiräume schaffen. Natürlich sollte man es hier nicht übertreiben und das gesamte Leben zu einer Routine machen. Jede Familie sollte dort Rituale festlegen, wo sie für sie wichtig sind.

 

Einzige Ausnahme sind zwei Bereiche, in denen es für die psychische und körperliche Entwicklung, also die Gesundheit Ihres Kindes wichtig ist, Rituale zu haben:

  • Fixe Mahlzeiten und mindestens EINE gemeinsame Familienmahlzeit (u.a. entscheidende Essstörungsprävention)
  • Gleiche Bettgehzeiten mit einem ruhigen Abendritual

 

Die entscheidende Frage ist jetzt ob es Folgen haben kann, wenn das Kind zu wenig Rituale im Alltag erlebt?

Psychisch gesehen könnte sich bei Babys, Kleinkindern und Kindern, bei einem Erleben von zu wenig Halt oder Orientierungslosigkeit Folgendes entwickeln:

 

  • Es könnte zu Einschlaf- und/oder Durchschlafproblemen, sowie Schlaflosigkeit kommen.
  • Dadurch entstünde eine dauerhafte Müdigkeit, die zu Konzentrationsproblemen führen könnte.
  • Durch die Müdigkeit könnte es allerdings auch zu einem Aufgekratztsein und zu Hyperaktivität kommen. Die Kinder sind überreizt und kommen nicht mehr zur Ruhe.

 

Abschließen kann man sagen, dass Rituale weder altmodisch und unflexibel, sondern für die psychische und körperliche Gesundheit von Kindern unumgänglich sind. Rituale machen auch nicht zwangsläufig unflexibel. Wenn ich 10 Tage ein Ritual befolge und dann einen Tag nicht, wird das Kind keinen Schaden davontragen. Wichtig ist, dass es überwiegend mit diesem Ritual lebt, dass dieses Ritual gefestigt ist.

 

 


 

 

Mag. Michael Wohlkönig ist unter anderem Wahlpsychologe und Coach für Potentialentfaltung in den Bereichen Sport, Leben, Beruf und Ausbildung. Er ist verheiratet und lebt mit seinen 2 entzückenden Kindern in Graz.

 

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