Wenn Kinder ausziehen und Leere zurückbleibt

Wenn wir ein altes Vogelnest finden, ist das meist etwas Magisches. Mitten im Gebüsch oder am Waldboden beim Spaziergang. Das hat etwas Heimeliges, Besonderes. Da waren mal kleine gesprenkelte Eier drin, eine geduldige Vogelmama hat darauf gesessen und mit Papa zusammen Würmern, Insekten und sonstig Nahrhaftes die Brut großgezogen. (Zugegeben, die Würmer klingen dann schon weniger magisch.) Aber gut. Ein leeres Vogelnest ist schön.

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Aber wenn wir auf uns Menschen sehen ist dieser Gedanke nicht so schön. Ein leeres Nest, ein leeres Zimmer, ein leeres Haus. Das löst schon mal Trauer und Angst aus. Es wird uns kalt. Besonders, wenn man ein Kind loslässt. Wenn es auszieht, seine eigenen Wege geht. Vogel flieg! Zurück bleibt bei Eltern oft eine Leere und fehlende Sinnhaftigkeit. Manch einer konserviert das Kinderzimmer als Tempel der Jugend, die man für sich bewahren möchte. Und als Erinnerung an eine Zeit, als „man noch gebraucht“ wurde. Wo die Ehe „noch in Ordnung war“. Man wartet, dass der Vogel noch oft und gerne zurückflattert, um wieder genährt zu werden. „Schläfst eh wieder einmal da, oder? Ich hab‘ dein Bett schon gerichtet.“ Hilfe, Mama!

Empty-Nest-Syndrom

In der Fachwelt wird die Belastungsreaktion auf den Auszug eines Kindes aus dem Elternhaus als „Empty-Nest-Syndrom“ bezeichnet. Depressionen sind Begleiterscheinung des Verlusterlebnisses. Ein Kind wird als „verloren“ erlebt, die Identität von Mutter & Vater macht massive Abstriche, eine Lebensphase geht zu Ende. Aus diesen mehrfachen Aspekten des Verlustes kann eine richtige Krise wachsen.

 

Wie heftig diese ausfällt, hat mit der Beziehung und dem Stellenwert des Kindes in der Familie zu tun. Welche „Funktion“ hatte das Kind zuhause? War es der Sonnenschein, der alles zusammenhielt? War es ein Puffer, der Familienkonflikte abmilderte? Vielleicht ein dankbarer Filter? Oder gar – worst case - ein Partnerersatz? Oder eine beste Freundin (bei Mutter/Tochter möglich), die man sonst nie hatte?

 

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Wenn bewusst wird, welche Lücke entsteht, weil das Kind nun fehlt, kann man an sich und mit anderen nahe stehenden Menschen daran arbeiten, neue Lösungen zu finden. Eine therapeutische Begleitung kann hier helfen. Eines ist gewiss: Trennung und Loslassen sind immer schmerzhaft. Auch bei einer gesunden Beziehung, mit sicherer Bindung. Mama und Papa als verlässlicher, bedingungsloser Hafen in stürmischen Zeiten. Doch bei dieser sicheren Bindung haben wir Vertrauen in das dehnbare Band zwischen uns und der Schmerz des Loslassens lässt früher nach. Weil wir wissen, dass der Hafen noch steht und das „Boot“ den Kurs kennt.

 

Was können Sie nun anders machen, damit das „Nest“ wieder heimelig wird? Damit sie die Leere wieder füllt, dass neue Lebensfreude einfliegt?

 

  1. „Frische Zweige“ - Wohnraum neu gestalten
    Sortieren Sie und räumen Sie auf und um: Liebgewonnenes angemessen und würdig verwahren, Platz schaffen, neue Schlafmöglichkeit für die „große Jugend“ gestalten! Beziehen Sie bei den Entscheidungen und Räum-Aktionen Ihr Kind mit ein. So kann es etwas Gemeinsames werden, ohne zu kränken oder vor den Kopf zu stoßen!
  2. Neues Leben – neues ICH
    Fragen Sie sich: Welche Rolle möchte ich sonst noch spielen außer „Vater“ oder „Mutter“? Was habe ich in meiner intensiven Erziehungszeit hintanstellen müssen? Worauf haben wir als Paar verzichten müssen? Was möchte ich beleben oder neu entdecken? Jetzt ist es Zeit, den neu gewonnenen Lebensraum und die Lebenszeit neuen Projekten zu widmen! Sauna, Liebeszimmer oder Büro? Alles ist erlaubt, was gefällt!
  3. Beziehung(en) pflegen - Neue Besucher
    Party im Vogelnest also! Es braucht neue Personen, die gut tun. Neue Freundschaften. Veranstalten Sie Spielabende, Koch-Zirkel (jeder im Kreis lädt ein und kocht auf) oder Treffen mit Gleichgesinnten eines neuen Hobbies. Die Hinwendung zum Partner (ev. dem anderen Elternteil) bringt Sie wieder auf neue Gedanken. Und bringt nicht selten herausfordernde Aufgaben mit sich. Womöglich etwas, was Sie schon zu lange aufgeschoben haben.
  4. Familie in Bewegung – neue Rituale und Verbindlichkeiten
    Ein neuer Cafétreff mit der Tochter Samstagnachmittag kann Wunder wirken. Ein Essen mit dem Sohn nach Feierabend. Ein Marmeladeglas, das zwischendurch in die WG vorbeigebracht wird (mit der Bierkiste wären Sie natürlich der „hero“!). Werden Sie kreativ. Freudige Begegnungen werden so möglich, weil Sie Ihr Kind völlig neu erleben!

 
Eltern werden nie nutzlos. Sie bleiben bis zu ihrem letzten Abflug sicherer Anker, Festung und Rückzugsort. Sie dürfen dabei aber flexibel bleiben und selbst weiter wachsen! So bleiben Eltern wirklich jung. Ihr Kind wird Sie dafür lieben, dass Sie nicht sitzenbleiben. Fliegen Sie los! 


 

Frau Mag. Dr. Annette Wallisch-Tomasch ist Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin in freier Praxis. In Ihrer Arbeit beschäftigt Sie sich vor allem mit der Stärkung von Familien. Sie lebt in Gratwein-Straßengel, ist verheiratet und Mutter von drei Söhnen.

 

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